Die Geschichte der Bratwurst

 

 

Der lange Weg der Rostbratwurst

 

Es war ein langer, beschwerlicher Weg. Schätzungsweise zwei Millionen Jahre vergingen von der nebelverhangenen, bratwurstlosen Menschheitsdämmerung bis hin zur fränkischen Spezialität, die vakuumverpackt oder in Dosen in alle Himmelsrichtungen verschickt wird. Wer zuerst auf die bahnbrechende Idee kam, eine Schweineschulter zu zerkleinern, zu salzen und, in einen gesäuberten Darm gestopft, über einem Feuerchen zu rösten, ist heute nicht mehr zu klären. Auch wann und wo diese Wurst zuerst gebraten wurde und wer sie aß, läßt sich nur vermuten. Doch zählt dieses erste Bratwurstessen der Menschheitsgeschichte zu den frühesten Kulturleistungen des Homo sapiens. Nach Äonen zäher Mammutkottelets dringt die unbekannte Runde - wahrscheinlich fränkische Steinzeitlerinnen - vergnügt in die Wonnen des guten Geschmacks ein. Erstmals ist Nahrungsaufnahme mehr als eine notwendige Tätigkeit zur Erhaltung der Art. Denn die Ur-Bratwurst macht nicht nur satt, sie befriedigt die Sinne und hilft der Menschheit, ihr schweres Schicksal leichter zu ertragen. »Wir wissen heute, daß schon der Anblick von Wurst freudig stimmt« (Prof. Boern, Lebensmittelsoziologe).
Kein Wunder, daß schon im christlichen Paradies Spuren der fränkischen Bratwurst nachweisbar sind...


Die Bratwurst im fränkischen Reich

Endlich nimmt der Große Bratwurstplan Gestalt an: Die fränkischen Könige lassen ihre Ostprovinz zwischen Bamberg, Eichstätt und dem dunklen Frankenwald von tatkräftigen jungen Männern aus Trier und Worms auf Vordermann bringen. Unbezwingbare Grenzfesten sichern die fränkische Wurstkammer, in der sich das bunte Völkchen störungsfrei vermischen kann.


Die fränkische Bratwurst im frühen Mittelalter

Nach dem Einzug der Metzger in die Stadt vergehen 200 bratwursttechnisch stille Jahre. 1066 läutet Wilhelm der Eroberer mit der Schlacht von Hastings die dunkle Epoche der britischen Esskultur ein. 1271 bricht Marco Polo zu seiner ersten China-Reise auf, wo er die Nudel für die italienische Küche entdeckt.


Das schwarze Zeitalter (1380-1618)

»Leb wohl, du heile Welt! Harr' tapfer aus, denn bittre Schmach steht Dir bevor, oh Königin der Würste!« (Anonym). Es gibt viele Theorien, warum die Bratwurst im späten 13. Jahrhundert zum Zankapfel unversöhnlich kämpfender Parteien wird. Die plausibelste Erklärung liefert Hermann A. Berlepsch in seiner »Chronik vom ehrbaren Metzgergewerk«: »Bratwurst und Brot gehört auf den Tisch des Bürgers, so oft es Mittag läutet, so oft der Magen seinen Tribut fordert, und Brot und Bratwurst hat die sorgsame Hausfrau auf dem Küchenzettel, wenn sie ihre Tagesordnung beginnt.«


Die Rettung der Bratwurst (1500-1573)

Lautstark hallt aus dem Wust verstaubter Akten noch immer der Schlachtenlärm der Wurstgefechte wider, doch den Männern, die sich schützend vor das Würstchen stellten, ist kein Denkmal gesetzt. Kein Chronist des Mittelalters bemerkt das Häuflein Aufrechter, das sich von der Donau bis zum Main um das Bratwurstbanner schart.


Operation Rostbratwurst (1573-1648)

Die Erfindung der kleinsten Bratwurst der Welt ist der größte Coup der fränkischen Bratwurststrategen. Im Schutz der Kaiserburg arbeiten die Nürnberger Metzger beflügelt an einem ultimativen Produkt, das die ganze Bandbreite menschlichen Hungers befriedigen soll.


Die fränkische Bratwurst im Barock

Der Dreißigjährige Krieg hat ein entvölkertes, verwüstetes Mitteleuropa zurückgelassen. Dörfer und Städte siechen dahin, geplündert und gebrandschatzt von marodierenden Söldnerheeren. Doch in der Mitte des gebeutelten, zerrissenen Deutschlands erlebt die Königin der Würste einen paradoxen Höhenflug.


Die fränkische Bratwurst im Biedermeier

Völker rebellieren, Throne wackeln, Armeen ziehen durch Europa. In dieser Zeit des Aufruhrs macht sich die fränkische Bratwurst daran, die Welt zu erobern. Ohne Kanonen, ohne Blutvergießen. Ihre erste Station auf dem Weg zum Weltmarkt ist die einem guten Bissen nie abgeneigte deutsche Dichterunddenker-Elite.


Die Bratwurst bis zum Zweiten Weltkrieg

Das 20. Jahrhundert beginnt mit einem Paukenschlag. Punkt 1900 feiert der Nürnberger Fleischerverein sein 25jähriges Jubiläum mit einer 300 m langen Riesenbratwurst. 44 starke Schweinemetzger schultern sie auf der Insel Schutt und tragen sie an der staunenden Bevölkerung vorbei zum Kulturverein


Die fränkische Bratwurst bis 2000

Nach dem Kriegs-Inferno muß das Leben irgendwie weitergehen. Brotersatz, Kaffeeersatz und Honigersatz in knappsten Rationen sind per Bezugsschein erhältlich, Schokolade, Zigaretten und dubiose Würste wechseln auf den Schwarzmärkten der zerbombten Städte ihre Besitzer. Die fette Königin der Würste ist Erinnerung.